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Herzlich willkommen bei meinem #noto...-Blog. Nein zu Machtmissbrauch, nein zu Diskriminierung in Kunst und Kultur. Nein zur Altersdiskriminierung. Und nein zum Blindsein gegen Diskriminierungsmachismen von Frauen gegen Frauen! Die sind nicht "strukturell", sondern SEHR persönlich! Der Blog ist subjektiv und nimmt sich das auch heraus. Denn über was ich schreibe, das betrifft mich auch. Hat mich betroffen, schwerer oder leichter. Und geht mich etwas an. Ich freue mich auf Reaktionen, gerne auch eigene Erfahrungen und Gedankenaustausch. Mails an mich unter a[.]heide[@]artminutes[.]com.

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#4
"Empowerment my ass"

Ein Thema, das mich seit Langem beschäftigt, ist das des "Missbrauchs" des Begriffs "Machtmissbrauch". Oder anders gesagt: Machmissbrauch ist nicht gleich „alte weiße Männer“ misshandeln Frauen (und auch Männer und ...). Machtmissbrauch ist auch, wenn Frauen andere Frauen wie Shit behandeln. Und sie tun es. Die Torte „Machtmissbrauch“ ist also weit höher, fetter und stückchenreicher, als es uns gut gemeinte female made Jugenddokus in leichter Sprache über alte Bösewichte glauben machen wollen. Und „die Medien“ und die „sozialen Medien“ oben drauf. Wo man draufsteigen kann, und alle verstehen es, ist das Leben eben einfach. Also steigen wir auf die, belegbar bösen, „alten weißen Männer“, wer immer sich da dann angesprochen fühlt. Alte weiße Frauen in Machtpositionen, die auch mal jung – und vermutlich dann auch schon nicht ganz die Netten – waren, sind also gut aus dem Schneider. Nur leider hakt dann das Bild von der Torte, und das Rausschneiden von immer nur der einen Scheibe macht die Torte Missbrauch eben nicht kleiner, schimmeliger jedenfalls, aber nicht kleiner. Bei der kürzlich erwähnten Podiumsdiskussion (#2) über mächtige Frauen war dann ja auch eine dieser „ungelesenen“ Frauen in Machtpositionen am Wort. Sie hatte auch wunderbare Worte über „Empowerment“. Und dass man als Frau in einer Machtposition andere Frauen „sichtbar machen muss“. Und fördern. Und das Gespräch suchen. Sie suche das Gespräch (wenn man es wolle). Sie biete es an, vorher, zwischendrin, danach ... Sie würde ihre Mitarbeiterinnen auch anderen vorstellen, also – eine dieser ewig fahlen Forderungen – „Netzwerke“ aufbauen für andere, mit anderen ... nun denn, die Realität sieht dann anders aus: Erstgespräch, die künftige Mitarbeiterin bittet herzlich darum. Es wird genehmigt. 45 Minuten in einem Neubauer Café, kurz und bündig. Die Machtfrau hat der „Unterfrau“ nicht viel zu sagen, die Eckdaten eben. Wie viele Projekte, was zu tun ist ... der Rest: Heimarbeit über Monate, einsam, kein Kontakt, kein wohlwollendes Hallo, kein „Geht es Ihnen gut, alles in Ordnung?“ ... nichts. Heimarbeit, natürlich unangestellt. Selbsversichert, was sonst, wir sind im Prekariat. Auch bei Millionenfestivals, wir, die „Untermenschen“ unter den Machtmenschen, die Menschen unter dem Radar, die Unsichtbaren an den Heimapparaten. Die Miete, der PC, die Telefonate, Zoom, Adobe und und und ... wird alles selbst bezahlt von der Heimarbeiterin. Die Steuer: eh klar ... Was bleibt bei 12 Projekten: rund 450 Euro pro ... Irgendwann in all der Einsamkeit bittet die Heimarbeit um so ein, frech auch, Zwischengespräch, würde sich freuen zu erzählen, wo sie steht, wie es bei den Recherchen geht. Die Mächtige lehnt ab: Nein, ein Treffen brauche es nicht – man arbeitet ja nur ein viertelhalbes Jahr zusammen, remote. Was treffen, wofür, auch noch eine Unterfrau? Sicher nicht ... es reiche, wenn die Mitarbeiterin, die remote, Recherchen schicke, die Machtfrau sucht dann aus, H&M-Text-Stange, was sie braucht, sie markiert das auch, mit gelben Balken. Das muss genügen. Die Remote-Arbeiterin arbeitet weiter, einsam, eigene Verantwortung, eigener PC, K-ein Eigenheim. Miete muss bezahlt werden. Miete geht sich mit der Gage zumindest für 5 Monate aus. Essen dann schon nicht mehr. Das Festival kommt näher. Ob man vielleicht ... NEIN! Bloß nicht aus der Remote-heit in die Festivalstadt kommen. Man bittet die Unterfrau, JA NICHT ZU KOMMEN! Man zahle keine Reise, keine Unterkunft – man wüsste auch gar nicht, wo sie unterkommen sollte. Das koste ja auch für die 4 Wochen mehr, als ihr „nach Steuer“ bleibt. Stimmt. Denkt die Arbeiterin. Und sorry, dass ich ... also keine Reise in die schöne kleine Stadt, über die die Fremdarbeiterin eigentlich, also eigentlich, also ... eigentlich so viel schon gearbeitet hat. Unbezahlt, weil wissenschaftliches Prekariat (nur falls jemand jetzt nachfragt). Zuhause bleiben, ist ja auch heiß im Sommer. Sitzen bleiben in der Einsamkeit. Nur nicht kommen. Man will sie nicht sehen. Sie ist zu alt zum Vorstellen – nein, nicht „alt gelesen“, sondern echt alt. Das ist die Machtfrau auch, also „alt gelesen“, aber Macht ist besser als Alt ... und wer will schon eine GLEICH ALTE vorstellen, wem auch, den „alten weißen Männern“? Die suchen anderes ... also nein, bleib zu Hause, Mütterchen. Mietwohnung. Auch gut. Jemand bietet der Remotlerin dann an, weil gnädig, jemand aus einem mächtigen Haus, anderswo, Deutschland? ..., man könne sie ja, wenn sie doch, illegal, komme, also hinfahre in die edle Kleinstadt, „hineinschmuggeln“ in eine noch edlere Generalprobe. Schmuggeln!!! Also einschleichen in das System „reich und schön“. Will sie das, die alt gelesene, verarmte Remotlerin? Sie denkt ehrlich nach, sie wäre so gerne – sie hätte so gerne – sie würde so gerne ... zumindest ETWAS sehen, nicht gesehen werden, aber etwas sehen, für das sie monatelang allein, unsichtbar, gearbeitet hat, geschuftet, nennen wir es so, wir sind ja auch ARBEITERINNEN ... Aber dann sagt der Bauch nein, diese Scham geht dann doch nicht, geschmuggelt will sie nicht werden. Und wer zahlt auch die Reise? Die Mächtige aber sagt nicht danke, nie. Stellt nicht vor. Holt nicht „ans Licht“. Vernetzt nicht. Trifft nicht. Dankt nicht (ich wiederhole mich). Schätzt nicht. Empowert nicht ... nichts. Nicht. NEIN! Nur keine Gleichalte, wie ekelig. Die Mächte sitzt also am Podium unter lauter Mächtigen und erzählt davon, wie schön es ist, ihre Macht zum Wohle anderer leben zu dürfen. Wo sind die? Obenauf. Über ihr? Neben ihr? Aber nicht unter ihr. Die Unsichtbaren, die Remoten, die Armutschgerln und – frei nach Paulus Manker – „AMS-Asseln“ des Systems, die sollten unter den Brettern bleiben, Kakerlaken hat auch schon einmal ein anderer Regisseur (männlich, weiß, fast alt) genannt. Kakerlaken bleiben unsichtbar. Kakerlaken gehören behandelt. Aber nicht gefördert. Das ist auch ein Stück von der Torte „Machtmissbrauch“. Wer schneidet endlich auch diese Stück an? Wer verteilt sie? Wer beißt mutig hinein. Wer spukt es endlich aus? Wir, die wir auf keinen Fall ein Stück davon bekommen, weil wir zum Gastmahl nie eingeladen sind, können es nur schwer. Also liebes System: Raus mit dem Messer und ran an die geile Sahne ...

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#3
Alt gelesen

Es wird viel vom "Gelesenwerden" gesprochen, und das ist wichtig. Nicht jede:r:, die:der sich einem Geschlecht zugehörig fühlt, wird auch von anderen zu diesem "gerechnet", to read somebody, also jemanden als etwas (anderes) lesen, geht nicht immer mit deren:dessen "passing" einher, also der "Akzeptanz" (wie passiv ist das eigentlich schon wieder!?) in der von ihr:ihm als "eigene" empfundenen "Gruppe".
Ausgehend davon könnte man auch das Thema Altersdiskriminierung neu zur Diskussion stellen, denn auch Menschen, die auf dem "Papier" dieses oder jenes Alter "erreicht" haben, sehen sich diesem - emotional, körperlich, psychosozial - nicht zugehörig, wollen also nicht von jung zu alt "gelesen" werden. Und doch passiert es. Gilt hier kein "passing" von vor allem jüngerer Seite, hier gilt ganz deutlich: Alt ist alt. Und wer alt ist, gehört nicht dazu ... zuur Jugend, zum Diskurs, zur Moderne ... Da helfen, ähnlich wie beim "passing", wenn es um das Geschlecht geht, kaum je irgendwelche Methoden, sich jünger zu machen oder auch noch so vehement dagegen anzugehen, Do NOT READ ME OLD! - es hilft nichts. Alt bleibt alt. Für die jungen. Hier wäre es so wichtig, dass Forderungen, die für eine Gruppe, eine Generation geltend gemacht werden wollen, auch für andere gelten. Am besten für alle. Ansonsten herrscht auch weiterhin Diskriminierung.

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#2
Vier Frauen an der Macht

Vier Frauen sitzen auf einem Podium und sind sichtbar mächtig.
Frau 1: Herzlich willkommen. Ich darf mich vorstellen: Ich bin total mächtig. Ich war davor sehr mächtig. Und davor war ich auch mächtig. Davor hab ich auch gearbeitet. Ich freue mich so, heute hier zu sitzen und mächtig zu sein. Ich darf meine Gäste vorstellen: Frau 2, du - wir sind per Du, wir sind ja eine Theatefamilie - bist ja auch sehr mächtig. Du bist total jung und mächtig, du bist Intendantin, und dabei bist du ... schwarz (niemand im Raum wiederspricht, auch die Frau, die angesprochen ist und aus Deutschland kommt).
Frau 2: Ich danke dir, ja ich bin mächtig. Und jung bin ich auch noch. Es ist einfach toll, so mächtig und dabei soooo jung zu sein.
Frau 1: Du (sie wendet sich mit blondem Lächeln an Gast 3) bist etwas, hm, älter, aber du warst auch bis vor Kurzem super mächtig. Total mächtig. Ich freue mich so, mit dir auf diesem mächtigen Podium sitzen zu dürfen.
Frau 3: Ja, ich war - bin - auch totalmächtig und es ist herrlich. Aber ich hab das wirklich NIE ausgespielt.
Frau 1: Machte es dir eigentlich etwas aus, dass du, obwohl du Direktorin warst, nie auf den Führungspodien eurer Institution sitzen durftest?
Frau 3: Ach, das war ja schon immer so, das wusste ich ja ... (niemand würgt).
Frau 1: Als letzten Gast darf ich eine ganz, GANZ mächtige Frau vorstellen. Du bist ja so super mächtig! Ich freue mich so, dass du heute bei uns bist!
Frau 4: (wirft geschmeichelt eine Locke aus dem Gesicht) Ah, im "Zentrum des Bösen" (alle am Podium lachen) ... ich bin in Wirklichkeit ja gar nicht sooo mächtig ...
Frau 1: (mit Emphase) Na, na, na! Das seh ich nicht so, du BIST total mächtig, du vergibst ja die Gelder an Institutionen wie unsere, die großen und mächten. (Sonst hätte ich dich auch nicht heute eingeladen, also no no, please).
Die vier mächtigen Frau haben sich nun also wortMÄCHTIG vorgestellt.

Fortsetzung folgt.

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#1
"Bitte schön kleiden"

In den vielen Jahren meiner wenig erfolgreichen Theater-"Laufbahn", von Karriere im landläufigen Sinn ist hier nicht zu sprechen, wurde ich nur selten "gefördert", und wenn, dann waren es meistens - ups - "alte weiße Männer". Sie leben großteils nicht mehr.
Ich war noch mitten im Studium, hatte mich aber schon als Theaterhistorikerin "bewiesen" (auch so ein Wort), als mich einer der wichtigsten österreichischen Theaterwissenschaftler einem der mächtigsten (ui!) Theaterdirektoren der Zeit (bzw. der Zeit vor dieser Zeit) empfahl, es ging um ein großes EU-Forschungsprojekt über das von Letzterem damals geführte Haus. Nun, der eine empfahl mich, der andere "nahm" mich. Und in den kommenden Monaten durfte ich wissenschaftlich arbeiten, unterstützt, gefördert, wertgeschätzt. Selbst als aus dem geplanten Gold des Covers in der Druckmaschine eine Gackerlbraun herauskam, gab es keinen Zoff, sondern wir überlegten gemeinsam - ich war um die 28, er fast 40 Jahre älter -, welche Farbe wir stattdessen wählen sollten (nein, es wurde nicht Samtrot wie das Haus, an das Sie grad denken ...). Am Ende, als die Studie erschienen war, empfahl er mich an einen anderen, ach, mächtigen, alten, männlichen, weißen "Publikumsliebling" weiter. Er holte mich zu sich, erzählte mir, was er plante, und bat mich: "Bitte, ziehen Sich doch einmal schön an." Es klang, in der Erinnerung, irgendwie verzweifelt.